"Das Schwerste war die Einsamkeit"

Die Lebensgeschichte des Musikers Wladyslaw Szpilman

Von CLAUDIA WITTE Hamburg  26.02.1998


 

Das Nocturne cis-Moll, dieses Klavierstück von Chopin, hat eine ganz besondere Bedeutung im
Leben von Wladyslaw Szpilman. Es markiert Anfang und Ende einer
sechsjährigen Leidensgeschichte. Am 23. September 1939 spielt er, 28
Jahre alt, dieses Stück im Polnischen Rundfunk. Warschau steht unter
Beschuß, in dem Geschützdonner hört der junge Pianist kaum die Klänge
des Flügels. Das Nocturne cis-Moll war das letzte Stück live gespielter
Musik, bevor deutsche Bomben den Sender lahmlegten.
ÝÝÝSechs Jahre später, 1945, wird Szpilman wieder am Klavier vor dem
Hörfunkmikrophon sitzen. Er wird jenes Chopin-Stück zur Wiederaufnahme
des Sendebetriebs des Polnischen Rundfunks spielen. "Wenn ich Chopin
spiele, spüre ich das", sagt der 86jährige Szpilman heute. Chopin ruft
in ihm die Erinnerungen an die Jahre wach, in denen der Polnische
Rundfunk schwieg. Sechs Jahre des nationalsozialistischen Terrors.
ÝÝÝ1940 werden die Warschauer Juden ins Getto gesperrt. Zwei Jahre
später steht Szpilman mit seinen Eltern und seinen Geschwistern auf dem
"Umschlagplatz". Seine Familie wird in die Viehwagen gepfercht, deren
Ziel das Vernichtungslager Treblinka ist. Er entkommt der Deportation,
polnische Freunde verstecken ihn.


Ein deutscher Offizier rettete sein Leben


Nach dem Warschauer Aufstand 1944 bleibt Szpilman in den Ruinen der
menschenleeren Stadt. Immer auf der Flucht, immer hungrig auf der Suche
nach Nahrung, in Todesangst. "Das Schwerste war die Einsamkeit", sagt
er. Fünf Monate hat er mit niemandem gesprochen. Bis auf die wenigen
Worte, die er mit dem deutschen Hauptmann Wilm Hosenfeld wechselte. Es
war jener deutsche Hauptmann, der Szpilman das Leben rettete. Hosenfeld
überrascht den ausgezehrten Szpilman im November 1944. Er hilft
Szpilman, ein neues Versteck zu finden, versorgt ihn mit Lebensmitteln.
Hosenfeld war voller Scham ob der Untaten seiner Landsleute. Der
Lebensretter stirbt 1952 in einem sowjetischen Internierungslager.
Auszüge aus seinem Tagebuch, in dem er von dem Nazi-Terror berichtet,
sind im Anhang von Szpilmans Buch erstmals veröffentlicht.
ÝÝÝDirekt über den Köpfen der Deutschen, im Haus des Warschauer
Festungskommandos hatte er sein letztes Versteck. "Die haben nie auf den
Dachboden geschaut", sagt Szpilman, und ein schelmisches Lächeln huscht
über sein Gesicht. Als amüsiere es ihn, daß er die Nazis überlistete.
ÝÝÝTrauer aber kehrt in seine Augen zurück, als er sich erinnert: "Ich
hatte einen Traum, dort, in den Ruinen. Meine Mutter spielte Chopins
Trauermarsch auf dem Klavier und weinte." Szpilmans Mutter war zu jenem
Zeitpunkt schon tot.
ÝÝÝGleich nach dem Krieg schrieb Szpilman sein Buch, das von Montag an
auf dem deutschen Markt zu kaufen ist. Freunde hatten ihn damals
überredet, Erlebtes und Erlittenes zu Papier zu bringen. "Ich bin kein
Schriftsteller. Ich habe keine Lust am Schreiben", sagt Szpilman. Damals
hätten die Freunde ihn überzeugt. Um ein Dokument der Zeitgeschichte sei
es ihm gegangen. Mit seinen genauen Schilderungen des Alltags wie auch
des kulturellen Lebens im Getto liefert Szpilman zahllose Fakten jener
Jahre. Und zugleich offenbaren sich dem Leser die sehr persönlichen
Gefühle eines Mannes, der dem Tode sehr nahe war.
ÝÝÝDie Sprache ist fast kühl, der Ton zurückhaltend. Es ist eben dieser
schonungslose Realismus, der Szpilmans Aufzeichnungen so anrührend
macht.
ÝÝÝSeit er seine Erinnerungen 1945 niedergeschrieben hatte, hat Szpilman
kaum mehr über den Krieg gesprochen. Auch mit seinen beiden Söhnen
nicht. Sohn Andrzej, der den deutschen Band herausgegeben hat, erfuhr im
Alter von zwölf Jahren von den Kriegserlebnissen seines Vaters, als er
die polnische Ausgabe heimlich aus dem elterlichen Bücherregal fischte.


Ein neues Leben - auf den Konzertbühnen



 

Szpilman stürzte sich in ein neues Leben. Er arbeitete wieder beim
Polnischen Rundfunk, wurde später dort Chef der Musikabteilung, spielte
und komponierte. Er gab Konzerte, fuhr mit dem Warschauer
Klavierquintett um die Welt. "Dreimal waren wir auf Konzertreise in den
USA, jedesmal sechs Wochen. Und das Publikum war großartig." Szpilmans
dunkle Augen leuchten lebendig. "In den größten Sälen haben wir
gespielt. Auch in Deutschland. Ich erinnere mich, die Atmosphäre in der
Hamburger Musikhalle, das war wunderbar." Dort gab er im März 1985 auch
seinen Abschied von den Konzerthallen der Welt.
ÝÝÝ

 

    Mit Deutschland verbindet Szpilman die Künste, die er schätzt. "Die
Deutschen haben die größte Musik, die größte Poesie." Haß auf sie
verspürt Szpilman nicht. "Für mich zählt der Mensch. Egal welcher
Abstammung." Vor dem Krieg hat Szpilman zwei Jahre an der Akademie der
Künste in Berlin studiert, schwärmt noch heute von Arthur Schnabel,
seinem Lehrer.
ÝÝÝMehrere symphonische Werke und fast 1500 Lieder, davon 500 in Polen
beliebte Schlager, hat er in seinem Leben komponiert. "Die Musik ist
mein Leben", sagt Szpilman. Die schmerzlichen Erinnerungen, so scheint
es, hat er mit seiner Musik beiseite geschoben. Traurige Kompositionen
hat Szpilman nicht verfaßt. Seine Stücke sind leicht. Für ihn ist "die
Musik die lebendigste Kunst". Sie lebt in ihm. Und sie war seine
Zuflucht. Seine Musik war es, die ihn ein Leben lang beschäftigt hat,
vor den Abgründen bewahrte, die der Nazi-Terror aufgerissen hatte.
ÝÝÝSie war ein grausames Intermezzo, die sechsjährige Kriegshölle, in
diesem Leben für die Musik. Ein Kollege hat einmal zu ihm gesagt: "Wenn
du alt bist, wirst du daran denken." Er hatte recht. "Die Erinnerungen
kommen immer öfter", sagt der greise Herr leise.
ÝÝÝBald werden sich sehr viele Menschen an sein Schicksal im Krieg
erinnern. Und vielleicht werden sie dann Chopin mit ganz anderen Ohren
hören. Wenn Wladyslaw Szpilman nämlich dieses cis-Moll-Nocturne spielt,
scheint sein Leben darin wiederzuklingen.

HAMBURGER ABENDBLATT     26.02.1998

Wladyslaw Szpilman: "Das wunderbare Überleben. Warschauer Erinnerungen
1939-1945". Mit einem Essay von Wolf Biermann. Econ Verlag, 39,80 Mark.
Ab 2. März im Buchhandel.
Die CD zum Buch (mit Werken von Szpilman,
Rachmaninow und Chopin) kostet 29,90 Mark.